Falsche Grammatik ist richtig

30. April 2014 § 5 Kommentare

Zugegeben, mir persönlich fällt es schwer, doch Regeln brechen zugunsten besserer Lesbarkeit im Web scheint die neue Regel zu sein, so die Usability-News. Ich selbst mache mittlerweile Ausnahmen bei Zahlen, auch Datumsangaben schreibe ich schon lange nicht mehr nach journalistischen Grundsätzen, denn das Auge ist fixiert auf TT.MM.JJ und muss den April nicht mehr als Wort zu lesen bekommen – zumindest bei uns in Deutschland.

Neues Lernen heißt, Altgewohntes vergessen dürfen und können. Hm, eine Weile wird wohl beides nebeneinander her gehen und das Neue die eine oder andere Häme aushalten müssen. Gegen manches wehre ich mich auch vehement (und auf verlorenem Posten), beispielsweise „Ilonas Kampf gegen das Hochkomma beim Genetiv-s.“ Das kommt mir nach wie vor nicht in die Tasten, sorry!

 

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§ 5 Antworten auf Falsche Grammatik ist richtig

  • Detlev Hoffmeier sagt:

    Das ist eine bemerkenswerte Aussage in einem Bildungsblog für vermeintliche Bildungseinrichtungen. Mittlerweile scheint „falsch“ grundsätzlich richtig zu sein, sonst reißen am Ende noch alle die Latte. Aber gehören Akerlof-Prozesse in Bildungseinrichtungen? Anscheinend ja:
    http://www.medieninhalte.de/dissertation/odm03.htm

    Ich habe mal ein großes CMS betreut und da lag die durchschnittliche Verweildauer pro Seite bei 2,6 Sekunden. Das sind noch ganz viele Tausendstel Sekunden, die sich wettbewerbsmäßig unterbieten lassen. Wo soll das enden?

    Mir persönlich wird zunehmend mulmig, wenn Effizienz und Effektivität gleichgesetzt werden. Die ideologischen Grundlagen dieser Uminterpretation von Lernprozessen durch die Reformpädagogik werden in einem Artikel der Zeitschrift Merz kurz (Zeitvorteil!) aber knackig auseinandergenommen, und zwar in dem Aufsatz „Haben heißt nicht können, Sofortness als Herausforderung pädagogischen Handelns“.
    http://www.merz-zeitschrift.de/?RECORD_ID=6788

    Mir scheint, dass in Biblio-Blogs, die als Tech-Ableger dieser „Reformpädagik“ profiliert werden sollen, dieser Zielkonflikt systematisch als gestrig deligitimiert wird und auch Ihre salvatorische Formulierung, dass das Neue noch einige Häme aushalten müsse, ist ein Griff in die suggestopädische Trickkiste: Hier ist das Neue und das Neue ist der Fortschritt und der Fortschritt ist immer gut Besser vermarktbar ist er übrigens auch. So ein Zufall.

    Stinkt der Fisch vom Kopf her oder stinken nur die Füße? Ein Fisch hat keine Füße? Egal, falsch ist ja jetzt richtig.
    http://www.heise.de/tp/artikel/41/41570/1.html

    Den Kampf gegen das Matraze’n-N fände ich übrigens interessaner als den Kampf gegen das „Genitiv-S“

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    • Danke, Herr Hoffmeier, für Ihren Beitrag. Erlauben Sie mir, ihr „mir scheint“ zu beantworten und meinerseits Fragen zu stellen.
      „Dass in Biblio-Blogs, die als Tech-Ableger dieser “Reformpädagik” profiliert werden sollen, dieser Zielkonflikt systematisch als gestrig deligitimiert wird …“
      Genau gelesen müssten Sie feststellen, dass ich selbst noch keine definitiv festgelegte Meinung für oder gegen „Falsch und Richtig“ habe, sondern eher selbst Fragen aufwerfe. Mein „Hm“ im Satz weist ebenfalls darauf hin.
      Von „systematisch“ oder gar „Tricks“ bin ich bzw. sind wir hier weit entfernt. Denn wäre es so, würde ich wohl generell eine andere Schreibweise pflegen. Das jedoch ist nachprüfbar nicht der Fall. Für was soll das auch gut sein? Sie schreiben auch, „der Fortschritt wäre besser vermarktbar“ … nun, nachdem unser Blog keinen Marktzwecken dient, sondern der eigenen Reflexion, des eigenen Weiterlernens, und dies in aller Öffentlichkeit zum „Mit-Denken“, ist es nicht unser Sinn und Zweck, einem etwaigen „neuen“ Markt hinterher zu hecheln.
      Ob’s uns nun stinkt, oder nicht:
      Letztendlich werden sich alle Menschen selbst für oder gegen „das Neue“, das „Andere“ entscheiden. Bekanntlich wandelt sich die Sprache und das Festhalten derselben beständig. Seit der letzten Rechtschreibreform zunehmend mehr.
      Ein Beispiel: das althochdeutsche Wort „Hurolob“, was soviel heißt wie: „Die Erlaubnis, sich zu entfernen“, wird heute sowohl anders geschrieben, nämlich „Urlaub“, als auch etwas anders interpretiert. Was also vor Jahrhunderten als normale Schreibweise galt, würde heute als antiquiert gelten.
      Nun, wir sind hier nicht die Gralshüter und weder Germanisten noch Technik-Nerds. Sie dürfen getrost annehmen, dass wir auch Effizienz und Effektivität auseinander halten können. Und das „Richtige tun“ (Effektiv) und „es richtig tun“ (Effizienz“) setze ich persönlich auf keinen Fall gleich, doch es bedingt einander. Insofern ist auf beides zu achten.

      Jetzt meine Frage: Sie finden das Matraze’n-N interessant. Nun, damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Um was genau handelt es sich denn da? Nicht, dass ich am Ende etwas Neues verpassen würde … nein, Scherz beiseite, jedem sein eigener Schwerpunkt und sein eigener neuralgischer Punkt. Gut, dass wir im Diskurs darüber bleiben.

      In diesem Sinne grüßt (immer noch mit scharfem „ß“) – Ilona Munique

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  • Detlev Hoffmeier sagt:

    Das Matratzen-N ist die Weiterentwicklung des Plural-Apostrophs und ein Beispiel für sinnfreie Sprachveränderung.

    Wir diskutieren hier eine Unterbietungslogik zur Aufmerksamkeitssteuerung. „Einfach statt kompliziert“ war gestern, jetzt kommt „Falsch statt richtig“. Geht es hier um Usabilty oder um Persuasive Design?

    Sie schreiben:
    „Letztendlich werden sich alle Menschen selbst für oder gegen “das Neue”, das “Andere” entscheiden.“

    Genau das ist das Problem im Bildungskontext. Ich versuche es noch einmal anders. Die Zurückweisung des Bedürfnispaternalismus: „Wer bin ich denn, das ich meinen Nutzern vorschreibe…“, funktioniert im Mathematikunterricht nicht. Da ist „falsch“ nicht „richtig“. Falsch ist richtig auf der Waldorfschule und Privatschulen profitieren zurzeit sehr von deregulierter Nachfrageorientierung. Die Dinge passieren also nicht im ideologie- und geldfreien Raum reinen Denkens. Sprechen Sie mit Mathematiklehrern; die werden Ihnen bestätigen, dass die Lesekompetenz oft ein größeres Problem ist als die Rechenkompetenz, weil aufgrund zunehmender habitueller Flüchtigkeit die Aufgaben falsch verstanden werden. Die habituelle Flüchtigkeit ist eines der Hauptprobleme in Bildungsprozessen. Der Tenor des oben erwähnten Merz-Artikels ist, dass die durch die Art unserer Mediennutzung erworbene habituelle Flüchtigkeit negativ auf Bildungsprozesse zurückwirkt, es für Effizienzgewinne durch Mediendesign und -verfügbarkeit aber keine empirischen Belege gibt. Ob die Blogs und Steuerungsmilieus im Kontext interessenfreien akademischen Erkenntnisgewinns Vor- und Nachteile ungezwungen abwägen … ? Nun, in dieser Hinsicht bin ich bekennend altmodisch: In drittmittel- und benchmarkingaffinen Milieus gibt es keine interessenfreie Erkenntnis.

    Es grüß sie ganz altmodisch – Detlev Hoffmeier

    Bonuslink:
    http://www.der-postillon.com/2012/08/mathemuffel-erleichtert-wert-von-x-ein.html

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  • Detlev Hoffmeier sagt:

    Teufel, die Flüchtigkeit! Es muss natürlich heißen: „Wer bin ich denn, dass ich meine Nutzern vorschreibe …“

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  • Ulrike sagt:

    Ich bin da voll und ganz auf Seiten Herrn Hoffmeiers. Mir kräuselt es die Zehennägel hoch bei all den Deppenapostrophen überall und das ist ja leider nur die Spitze des Eisbergs. Viele Verlage leisten sich den „Luxus“ eines ordentlichen Lektorates auch nicht mehr – anscheinend interessiert korrekte Rechtschreibung keine alte …. niemaden mehr.

    Ich will aber weiterhin _richtige_ Texte lesen können. Blogs (oder gar Shops), die vor Fehlern strotzen, meide ich. Qualität können die ja nicht bringen, was soll ich also dort? Ein Buch, das offenbar nicht mal eine Word-Rechtschreibprüfung durchlaufen hat, wird von mir nicht gelesen, weil es einfach keinen Spaß macht.

    Und gerade wir im Bibliotheks-Raum sind da gefordert, gute Vorbilder zu sein. Wir können nicht für Leseförderung stehen und gleichzeitig genau diese durch grottiges Deutsch verhindern.

    Mein verspäteter Senf zum Thema🙂

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